Was bedeutet das?
Eine starke Kursbewegung am Vortag kann aussagekräftiger erscheinen als eine längere Phase mit ruhigeren Kursen. Von einer Aktualitätsverzerrung (Recency Bias) spricht man, wenn jemand deshalb die jüngste Kursveränderung, Schlagzeile oder Geschäftszahl stärker gewichtet als andere relevante Informationen.
Das Problem ist nicht, neue Informationen zu beachten. Ein aktuelles Ereignis kann die Aussichten einer Aktie oder die Handelsbedingungen wesentlich verändern. Die Verzerrung besteht darin, einem Ereignis wegen seiner Aktualität mehr Einfluss zu geben, ohne zu prüfen, wie relevant, verlässlich oder repräsentativ es ist. Der Recency Bias kann Renditeerwartungen, Risikoeinschätzungen und die Dringlichkeit eines geplanten Trades beeinflussen.
Wie wird er berechnet?
Für den Recency Bias gibt es keine Standardformel und keinen allgemein gültigen Wert. Zur Veranschaulichung lässt sich die Gewichtung aktueller Informationen mit der Gewichtung vergleichen, die sie nach einer zuvor festgelegten, einheitlichen Methode erhalten würden:
Übergewichtung aktueller Informationen = tatsächliche Gewichtung aktueller Beobachtungen − Referenzgewichtung aktueller Beobachtungen
- Tatsächliche Gewichtung ist der Anteil, den aktuelle Beobachtungen an der Einschätzung haben, ausgedrückt als Prozentsatz oder als Zahl zwischen 0 und 1.
- Referenzgewichtung ist der Anteil, den diese Beobachtungen nach einer vorab gewählten Vergleichsmethode erhalten würden. Es sind dieselben Einheiten zu verwenden.
- Übergewichtung aktueller Informationen wird in Prozentpunkten angegeben, wenn beide Gewichtungen Prozentsätze sind. Ein positiver Wert zeigt in diesem Vergleich eine stärkere Gewichtung an, beweist aber nicht, dass die Einschätzung falsch ist.
Dies ist eine veranschaulichende Diagnose, keine validierte Messgröße für die psychologische Verfassung einer Person. Die Referenzmethode muss zur Fragestellung passen: Eine Gleichgewichtung ist einfach, doch ältere Beobachtungen können nach einer tatsächlichen Veränderung der Rahmenbedingungen durchaus weniger relevant sein.
Rechenbeispiel
Angenommen, ein Anleger betrachtet die vier jüngsten Monatsrenditen einer Aktie: +2 %, +2 %, +2 % und +18 %. Es handelt sich um hypothetische, gerundete Werte und nicht um eine Renditeprognose.
- Referenz festlegen. Bei Gleichgewichtung entfällt auf jeden Monat ein Anteil von 25 %. Der einfache Durchschnitt beträgt
(2 % + 2 % + 2 % + 18 %) / 4 = 6 %. - Gewichtung des Anlegers erfassen. Angenommen, der Anleger gibt dem jüngsten Monat 70 % Gewicht und verteilt die verbleibenden 30 % gleichmäßig auf die anderen drei Monate. Der gewichtete Durchschnitt beträgt
(0,10 × 2 %) + (0,10 × 2 %) + (0,10 × 2 %) + (0,70 × 18 %) = 13,2 %. - Gewichtungen vergleichen. Der jüngste Monat erhält
70 % − 25 % = 45 Prozentpunktemehr Gewicht als in der Referenz mit Gleichgewichtung.
Die Abweichung zeigt, wie sich die Zusammenfassung durch die Gewichtung verändert – nicht, welche Gewichtung angemessen ist. Bevor der Anleger den jüngsten Monat als repräsentativ behandelt, müsste er untersuchen, warum er sich von den vorherigen Monaten unterscheidet.
Warum ist das vor einem Trade wichtig?
Wer jüngste Kursgewinne übergewichtet, kann eine Aktie für weniger riskant oder attraktiver halten, als es die Gesamtheit der Informationen nahelegt. Eine übermäßige Gewichtung jüngster Verluste kann zum gegenteiligen Urteil führen. Beides kann die Positionsgröße, die Ausführungsbedingungen oder die Begründung dafür beeinflussen, eine Aktie in einen Korb aufzunehmen.
Eine Prüfung vor dem Trade kann drei Fragen voneinander trennen: Was ist zuletzt passiert? Hat sich etwas verändert, das für die Zukunft relevant ist? Wie sieht der geplante Trade bei einer einheitlichen Bewertung von Liquidität, Volatilität, Kosten und Konzentration aus? Diese Prüfungen sagen nicht voraus, wie sich eine Aktie entwickeln wird. Sie können aber helfen, eine ungeprüfte Reaktion zu erkennen.
So nutzt PreTrAIde den Begriff
PreTrAIde erhebt nicht den Anspruch, eine Aktualitätsverzerrung zu berechnen oder zu diagnostizieren. Die Analyse vor dem Trade bewertet einen geplanten Aktienkorb, bevor eine Order platziert wird, und berücksichtigt dabei Marktdaten, aktuelle Nachrichten und Analystenratings. Sie erstellt quantitative Bewertungen zu Liquidität, Volatilität und Ausführung und gibt anschließend für den Korb und jede einzelne Position ein Urteil ab: GO, NO-GO oder MODIFY – jeweils mit Begründung.
Wer diese Begründung gemeinsam mit den Informationen zu einer jüngsten Kursbewegung prüft, kann möglicherweise besser unterscheiden, ob eine neue Tatsache vorliegt oder ob eine Annahme vor allem auf dem Zeitpunkt des Ereignisses beruht. Das Urteil dient der Entscheidungsunterstützung und ist keine Empfehlung; die Erfolgswahrscheinlichkeit ist eine Modellschätzung, keine Renditeprognose oder Garantie.
Häufige Fehler
- Jede Reaktion auf aktuelle Nachrichten für verzerrt halten. Neue Informationen können eine geänderte Einschätzung rechtfertigen.
- Annehmen, dass sich eine kurze Entwicklung fortsetzt. Jüngste Renditen allein belegen kein wiederkehrendes Muster.
- Längere Zeiträume mechanisch heranziehen. Ältere Daten können nach einer wesentlichen Veränderung weniger relevant sein.
- Einen diagnostischen Vergleich als Beweis missverstehen. Unterschiedliche Gewichtungen werfen eine zu prüfende Frage auf, zeigen aber weder den richtigen Trade noch dessen Ergebnis.