Behavioral Finance

Dispositionseffekt

Der Dispositionseffekt bezeichnet die Neigung, Anlagen mit Kursgewinnen zu verkaufen und Anlagen mit Kursverlusten weiter zu halten – selbst wenn der ursprüngliche Kaufpreis für die aktuelle Entscheidung keine Rolle spielen sollte.

Was bedeutet das?

Manchen Anlegern fällt es leichter, einen Gewinn zu realisieren, als einen Verlust zu akzeptieren. Zeigt sich dieses Muster darin, dass Positionen über dem Kaufpreis häufiger verkauft werden als Positionen darunter, spricht man vom Dispositionseffekt. Der Kaufpreis ist ein Bezugspunkt, aber nicht unbedingt ein Hinweis darauf, was eine Aktie heute wert ist.

Das Muster kann mit Verlustaversion zusammenhängen: Einen Verlust zu realisieren kann sich anders anfühlen, als einen nicht realisierten Verlust weiter bestehen zu lassen. Der Verkauf einer Gewinnerposition oder das Festhalten an einer Verliererposition belegt für sich genommen jedoch keine Verzerrung. Steuern, Portfolioziele, Liquiditätsbedarf und veränderte Risiken können jeweils eigenständige Gründe für eine Entscheidung sein.

Berechnung

Für eine einzelne Entscheidung gibt es keine einheitliche diagnostische Kennzahl. Eine Möglichkeit, das Muster anhand einer Handelshistorie zu messen, ist der Vergleich des Anteils realisierter Gewinne mit dem Anteil realisierter Verluste:

Dispositionseffekt-Kennzahl = PGR − PLR

  • PGR = realisierte Gewinne / (realisierte Gewinne + Buchgewinne). Realisierte Gewinne sind Positionen, die über ihrem Kaufpreis verkauft wurden; Buchgewinne sind Positionen, die weiterhin über ihrem Kaufpreis gehalten werden.
  • PLR = realisierte Verluste / (realisierte Verluste + Buchverluste). Realisierte Verluste sind Positionen, die unter ihrem Kaufpreis verkauft wurden; Buchverluste sind Positionen, die weiterhin unter ihrem Kaufpreis gehalten werden.

Gezählt werden Positionen, die nach einer einheitlichen Methode klassifiziert wurden – nicht Geldbeträge oder prozentuale Renditen. Werden PGR und PLR als Prozentsätze angegeben, lautet die Einheit der Kennzahl Prozentpunkte. Ein positives Ergebnis bedeutet, dass in den betrachteten Beobachtungen Gewinne häufiger realisiert wurden als Verluste. Es beweist nicht, warum das geschah. Ist einer der beiden Nenner null, ist der Vergleich nicht definiert. Transaktionskosten und Dividenden berücksichtigt diese einfache Einteilung nach Kaufpreis nicht.

Rechenbeispiel

Betrachten wir die Beobachtungen eines hypothetischen Anlegers über einen bestimmten Zeitraum. Nehmen wir an, jede Position wird nach derselben Methode einmal gezählt; Kosten, Dividenden und Steuern bleiben unberücksichtigt:

  1. Von 20 Positionen über dem Kaufpreis werden 12 verkauft und 8 weiter gehalten. PGR = 12 / (12 + 8) = 60 %.
  2. Von 20 Positionen unter dem Kaufpreis werden 4 verkauft und 16 weiter gehalten. PLR = 4 / (4 + 16) = 20 %.
  3. Dispositionseffekt-Kennzahl = 60 % − 20 % = 40 Prozentpunkte.

In dieser Historie wurden Gewinne häufiger realisiert als Verluste. Daraus folgt weder, dass ein bestimmter Handel falsch war, noch dass das Halten der Verlustpositionen eine bestimmte Rendite verursacht hat. Das Ergebnis hängt auch davon ab, wann die Positionen überprüft und wie Teilverkäufe gezählt wurden.

Warum das vor einem Handel wichtig ist

Ein geplanter Verkauf kann teilweise vom befriedigenden Gefühl beeinflusst sein, einen Gewinn mitzunehmen. Die Entscheidung, eine Position zu halten, kann teilweise aus der Abneigung entstehen, einen Verlust zu realisieren. Vor einer Order hilft die Frage, ob dieselbe Entscheidung auch dann sinnvoll wäre, wenn der Kaufpreis nicht bekannt wäre. Vergleichen Sie das aktuelle Risiko, die Konzentration, die Kosten und die Rolle der Position im Portfolio mit den erklärten Zielen und Vorgaben des Anlegers.

Diese Prüfung gilt in beide Richtungen. Einen Verlust vermeiden zu wollen, ist nicht automatisch ein Grund zum Halten; im Gewinn zu sein, ist nicht automatisch ein Grund zum Verkaufen. Ein dokumentierter Grund, der unabhängig vom Einstiegspreis gilt, erleichtert die spätere Überprüfung der Entscheidung.

So nutzt PreTrAIde den Begriff

Es ist nicht angegeben, dass PreTrAIde eine Kennzahl zum Dispositionseffekt berechnet oder eine Verhaltensverzerrung diagnostiziert. Die Pre-Trade-Analyse von PreTrAIde prüft einen geplanten Aktienkorb vor der Order, einschließlich Handelsrichtung, Stückzahl und Ausführungsbedingungen jeder Position. Sie liefert GO-, NO-GO- oder MODIFY-Urteile auf Ebene des gesamten Korbs und einzelner Positionen, Risikoeinschätzungen und verständliche Begründungen als Entscheidungshilfe – keine Empfehlungen.

Eine separate Prüfung auf eine Fixierung auf den Kaufpreis kann diese Analyse ergänzen. Nutzer können außerdem in PreTrAIde Memory protokollieren, was sie tatsächlich ausgeführt haben. Laut den vorliegenden Produktangaben misst dieses Protokoll den Dispositionseffekt jedoch nicht.

Häufige Fehler

  • Jeden Verkauf mit Gewinn oder jedes Halten mit Verlust als irrational einzustufen. Entscheidend ist der Grund für die Entscheidung.
  • Einen nicht realisierten Verlust für wirtschaftlich unbedenklich zu halten. Der aktuelle Wert und die Risiken der Position bleiben relevant.
  • Eine positive Dispositionseffekt-Kennzahl als Beweis für Verlustaversion zu lesen. Sie beschreibt beobachtete Verkaufsquoten, nicht die Beweggründe.
  • Positionen aus uneinheitlichen Zeiträumen zu vergleichen oder Teilverkäufe unterschiedlich zu zählen.

Häufig gestellte Fragen

Was verursacht den Dispositionseffekt?

Verlustaversion und die Fixierung auf den Kaufpreis können dazu beitragen. Aus beobachteten Verkaufsmustern allein lässt sich die Motivation eines Anlegers nicht ableiten.

Wie misst man den Dispositionseffekt?

Bei einer Methode wird der Anteil realisierter Verluste (PLR) vom Anteil realisierter Gewinne (PGR) abgezogen. Eine positive Differenz zeigt, dass in den untersuchten Beobachtungen Gewinne häufiger realisiert wurden als Verluste.

Ist es immer ein Fehler, eine Aktie mit Gewinn zu verkaufen und eine Aktie mit Verlust zu halten?

Nein. Steuern, Liquiditätsbedarf, Portfolioziele oder veränderte Risiken können solche Entscheidungen begründen. Entscheidend ist die Frage, ob es dafür einen Grund gibt, der über den ursprünglichen Kaufpreis hinausgeht.

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